Steht uns der Untergang des Abendlandes kurz bevor? Verfallen Sitte und Anstand zunehmend zum Wohle steigender Quoten, Auflagen und Zuhörer? Fragen, die während der Diskussion “Ethik vs. Entertainment - Sensationsgeilheit ohne Grenzen” zu klären gesucht wurden.
Zu Beginn stellte Prof. Rainer Leschke, Medienwissenschaftler an der Universität Siegen, erst einige Grundbegriffe klar: Während er unter “Ethik” ein Theoriemodell versteht, beschreibt “Moral” unser variables Wertesystem.
Moderator Horst Müller, Professor für Redaktionspraxis an der Fakultät Medien der FH Mittweida, eröffnete die Diskussionsrunde mit einem aktuellen Beispiel aus der Bildzeitung. Minderjährige Opfer der Schweinegrippe wurden mit Foto und vollem Namen auf der Titelseite abgebildet - “Wir haben Schweinegrippe”.
Manfred Protze, Sprecher des Deutschen Presserates, sieht in Pressekodex und Presserat ein wirkungsvolles Mittel, um Tiefschläge unter die Gürtellinie zu ahnden und zu begrenzen. Er meint: “Die Pressefreiheit findet ihre Grenzen bei den Persönlichkeitsrechten. Pressefreiheit erlaubt billige Kirmes ebenso, wie hochwertiges Theater - es geht um die Einhaltung eines minimalen Standards.”
Prof. Udo Reiter, Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks, appellierte in diesem Zusammenhang an die Verantwortung der Medien, die Leute “vor sich selbst zu schützen”. Protze stimmte zu und wies auf die oftmals fehlende Medienkompetenz hin: “Im Netz ist man nicht privat, jeder publiziert sich per Youtube und Co, ist weltweit sichtbar.” Auch Leschke ist sich hier einig, denn “viele geben unbewusst persönliche Informationen preis”.
Dr. Senta Ziegler, Journalistin und Autorin, sieht es als journalistische Aufgabe, bei Personen von öffentlichem Interesse über das Privatleben zu berichten. Einige Themen würden über die Personalisierung überhaupt erst greifbar gemacht, “Gewalt in der Familie, Kindesmisshandlung und mehr dringen so erst in das Bewusstsein der Menschen”. Auch positive Tabubrüche würden so erreicht, wie die Gleichberechtigung von Homosexuellen.
Leschke sieht Skandale als “Kapital” der Medien, allerdings bestimme auch heute die Nachfrage das Programm: “Der Konsens der alten Fernsehgesellschaft existiert nicht mehr.” Ein zyklischer, nicht linearer, Wertewandel sei normal. Kontrolle reguliere den Markt selten, es müsste beim Rezipienten angesetzt werden, was aber ebenfalls schwierig sei. Ziegler lobt den investigativen Journalismus und sieht Günter Wallraff als Vorbild. Der Dienst an der Öffentlichkeit sei ein erstrebenswertes Ziel.
Ein anderer Punkt waren die Schleichwerbeskandale bei den Öffentlich-Rechtlichen. Reiter sieht “kein generelles moralisches Problem”, hier handle es sich um “kriminelle Einzelfälle”. Er kritisiert die EU-Regelung, den privaten Sendern Product Placement zu erlauben: “Schleichwerbung wird durch Umbenennung in Product Placement nicht besser.” Er mahnt allerdings auch zum nötigen Augenmaß: “Ein Kommissar fährt jetzt nicht Fahrrad, nur damit man den BMW nicht sieht.” Protze erkennt bereits eine Besserung der Kontrollen, seit dem Bavaria-Skandal habe sich viel getan. Schließlich stehe hier die Glaubwürdigkeit der Sender auf dem Spiel.
(Fotos: Martin Kisza)








Eine Antwort
Interessanter Artikel. Hier mal einige Infos darüber, was uns die Schweinegrippe eigentlich so kostet: http://www.finanzen-forum.net/krankenversicherungen-f21/was-kostet-uns-die-schweinegrippe–t22.html