Viel Zündstoff bot das Panel “Killerspiele und Heavy Metal - Das Rezept für den Amoklauf?” Gleich mehrere Reizwörter sollten die Teilnehmer zu einer angeregten Diskussion animieren. Moderator Heiko Klinge, Gamestar-Redakteur, goss vorsorglich Öl ins Feuer und leitete die Runde mit zwei besonders denkwürdigen Beispielen ein.
In einem in Deutschland nicht ungeschnitten im Fernsehen laufenden Musikvideo, der Heavy Metal Band “Cannibal Corpse”, wurden ekelerregende Szenen zu aggressiver Musik präsentiert. Noch einen drauf setzte das Video zu einer brutalen Szene aus “Modern Warfare 2″, dem neuesten Teil der erfolgreichen “Call of Duty”-Reihe. Auf Seiten von Terroristen wurde es dem Spieler ermöglicht, auf einem Flughafen unbewaffnete Zivilisten zu massakrieren. Das Level sorgt selbst unter hartgesottenen Gamern für Gesprächsstoff und Empörung.
Florian Rehbein, Diplompsychologe des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, rätselt über die Motivation der Entwickler. Er kann sich einen Publicity Stunt nicht vorstellen, ist doch das Spiel ein sich exzellent verkaufendes Mainstream-Produkt. Persönlich findet er die in Deutschland nur leicht abgeänderte Szene abstoßend. Mehmet Toprak, freier Journalist, fand besonders die “kühle Inszenierung der extremen Gewalt” vor allem aus ideologischer Sicht bemerkenswert .
Olaf Wolters, Geschäftsführer des Bundesverbandes Interaktive Unterhaltungssoftware sowie der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK), sieht das überspringbare Level als stilistisches Mittel zur Motivation des Spielers. Der Medienpädagoge Gerald Jörns findet den Trubel ebenfalls übertrieben, nach seiner Meinung legen die Gamer mehr Wert auf den Multiplayer-Part, als auf einen kurzfristig schockierenden Singleplayer-Modus.
Jörns kennt die Probleme der Spieler aus erster Hand, er begann vor Jahrzehnten mit dem Zocken am PC. Er beklagt die mangelnde Akzeptanz der Spielkultur. Toprak sekundiert: “Durch die schnelle technische Entwicklung kam es zum Generationenbruch: die Älteren haben keine Zeit, sich daran zu gewöhnen, die Jüngeren leben in einer anderen Welt.” Dr. Thorsten Hindrichs, Musikwissenschaftler, sieht in kontroversen Spielsequenzen die Austestung von Grenzen, wie sie auch in der Musikwelt passiert ist und noch passiert.
Hindrichs kennt auch keine wissenschaftlich bewiesene Wirkung von bestimmten Musikarten auf spezielle Verhaltensweisen. Rehbein hatte bereits am Anfang der Veranstaltung darauf hingewiesen, dass es keinerlei empirische Beweise für einen Zusammenhang von Amokläufen und “Killerspielen” gibt.
Besonders zwischen Wolters und Rehbein entzündete sich immer wieder ein heftiger Schlagabtausch. Zuerst stellte Rehbein mit einer Studie die Kompetenz der USK in Frage: “Über 50 Prozent der Einstufungen sind falsch oder zumindest fragwürdig”, so eine Expertenanalyse von 72 Spielen. Nachdem er Wolters und der Spieleindustrie wiederholt eine bewusste Unterminierung des Jugendschutzes vorgeworfen hatte, forderte er “die Entkopplung des Jugendschutzes von wirtschaftliche Interessen”. Wolters wies jegliche Vorwürfe empört von sich und zeigte die vorhandenen Kontrollfunktionen von Bund und Ländern auf.
Zum Ende wurde noch das böse Wort “Zensur” ins Spiel gebracht. Toprak bezeichnete sie als “Totschlagargument”, eine “zivile Gesellschaft” könne sich dazu entscheiden “exzessive Gewalt unter dem Mantel der Unterhaltung” abzulehnen, ohne die Demokratie zu beschädigen. Wolters warf hingegen ein: “Jugendschutz soll die Jugend schützen, nicht Volljährige bevormunden.” Er fordert die Abschaffung der Indizierung in ihrer bisherigen Form und sieht keinen Sinn darin, zwischen “Erwachsenen-Spielen und Erwachsenen-Spielen” zu unterscheiden. Es gibt sowohl herkömmliche Titel ab 18, als auch indizierte Titel - welche aber ohnehin erst ab 18 gekauft werden können.
(Fotos: Sebastian Bratge)











