Im Vortrag “Volkssport Twittern” konnte Dr. Benedikt Köhler nicht nur Twitter-Neulinge auf den Micro-Blogging-Service neugierig machen, sondern auch erfahrenen Nutzern noch Neues aufzeigen. Dabei ging er unter anderem auf Marketing-Möglichkeiten und Risiken ein.
Twitter – was ist das eigentlich, wer nutzt das, wem nutzt das? Diese und viele andere grundlegende Fragen waren der Einstieg in den Vortrag “Volkssport Twittern” von Dr. Benedikt Köhler.
An der LMU München hat er Soziologie, Ethnologie und Psychologie studiert und promovierte 2006 zum Dr. phil. Nach einem humorvollen Video zum Thema nahm der Twitter-Experte und Spezialist für Marktforschung zunächst Fakten und Vorurteile unter die Lupe. So ging er zum Beispiel auf die Meinung ein, über Twitter werde vorwiegend belangloses Geplapper verbreitet: “Es bedient eine Zwischengruppe. Man erreicht nur eine relativ kleine Gruppe, die aber doch wesentlich größer ist, als der Familien- und Freundeskreis. Die Frage ist also: Sind die Nachrichten für die Zielgruppe relevant?” So berichtet Köhler, dass er vor zwei Stunden ein Bild des Büfetts beim Medienforum getwittert hatte. “Es sind Dinge, die mich interessieren, aber lange nicht alle.”
Auch auf die Vorurteile, Twitter sei ein Zeitfresser, eine “Internetblase, die schnell wieder platzt” oder “Kinderkram” ging der Münchner ein. Letztendlich kommt es ganz auf das Verhalten und die Absichten des Nutzers an. Der Webservice kann sowohl zeitraubend sein als auch Kommunikationswege verkürzen; er kann belangloses Geschwätz und Spam oder brandaktuelle News verbreiten. Die Betreiber des Accounts “Twitkritik” beschäftigen sich zum Beispiel auf literaturkritischer Ebene mit dem Dienst und fördern damit die Kultur innerhalb des Netzwerks. In einem anderen Fall berichtet Köhler von einem amerikanischen Journalisten, der vor seiner widerrechtlichen Verhaftung in Ägypten den Tweet “Arrested” versenden konnte. Da der Hilferuf auf diesem Weg zahlreiche und vor allem die richtigen Kollegen erreichte, wurden entsprechende Nachforschungen und Maßnahmen eingeleitet und der Mann kam nur einen Tag später wieder frei.
“Twitter-Fundamentalisten”, die es aber relativ selten gebe, sind der Meinung, die meisten User nutzen Twitter falsch, berichtet Köhler. Schließlich ist die zentrale Frage: “What are you doing?” – Was tust du gerade? Doch die Antwort auf diese Frage ist relativ selten Inhalt der kurzen Nachrichten. Im weiteren Verlauf erläuterte er Begriffe und Funktionen wie den “Follow Friday” oder “Twoosh” und stellte Beispiele vor, wie Unternehmen Twitter für Markting- und PR-Zwecke nutzen oder Journalisten es als Recherchewerkzeug einsetzen. “Dabei ist aber natürlich größte Vorsicht geboten, die Informationen müssen unbedingt verifiziert werden”, ermahnte Köhler eindringlich. Überrascht waren viele Besucher, als Köhler ihnen berichtete, dass er seine neueste Kollegin über Twitter gefunden habe. Er hatte sie über ihren Account bereits kennen gelernt und wurde aufmerksam, als sie unter anderem den Hashtag “Jobsuche” nutzte. Zum Abschluss erläuterte der Soziologe ausgewählte Risiken des Twitterns, wie Stalking oder Fake-Accounts.
